Kulturverein Blankenfelde e.V.
Kulturverein Blankenfelde e.V.

Ernst Augustin

1902 -1961

Bildrohr in Blankenfelde

von

Ernst-Günter Augustin

 

Am 06.10.1961 verstarb in seiner „Wahlheimat Blankenfelde“, 59-jährig, Ernst Augustin und wurde mit einem Staatsbegräbnis auf dem Blankenfelder Waldfriedhof  beigesetzt.

 

Ernst Augustin wurde am 04. Oktober 1902 in Berlin geboren. Sein Vater verstarb sehr früh, so daß er gezwungen war, von seinem 12. Lebensjahr an mit für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Er verdiente sich als Laufbursche bei verschiedenen Firmen und als Helfer in einer Bäckerei eine kleine Beihilfe. Auf Grund seiner vielen technischen Zeichnungen, die er in seiner Freizeit anfertigte, wurde man auf seine technische Begabung aufmerksam und schickte ihn in einen Betrieb für elektrische Anlagen in die Lehre. Nach vierjähriger Lehrzeit bestand er die Prüfung mit „sehr gut“. Nach Abschluß der Lehre war er als Elektromonteur und Konstrukteur tätig. In seiner Freizeit bildete er sich durch Studium einschlägiger Fachliteratur weiter, wobei sein besonderes Interesse dem Fachgebiet der drahtlosen Telegrafie und Telefonie galt.

 

Auf Grund guter Arbeitsergebnisse wurde er mit 22 Jahren leitender Ingenieur in der Montage- und Reparaturabteilung der Radiotelefonie-AG. Für die Firma Siemens leitete er unter anderem die funktechnische Ausstattung des Berliner Funkhauses in der Masurenallee und wurde 1931 Technischer Leiter des Rundfunkbetriebes Berlin. Unter seiner Leitung fanden z.B. die ersten Rundfunkdirektübertragungen aus dem fliegenden Zeppelin und von einem „KDF-Urlaubsschiff“ von See statt.

 

1930 erwarb Ernst Augustin in Blankenfelde ein Grundstück. Mit der Fertigstellung des Hauses in der heutigen Erich-Klausener-Straße siedelte er mit seiner Familie 1936 nach Blankenfelde um, wo er bis zu seinem Tode wohnte.

 

Ernst Augustin kam frühzeitig mit dem Fernsehen in Kontakt. Unter Verantwortung der Reichsrundfunkgesellschaft wurde schon in den dreißiger Jahren ein Fernsehen in Deutschland aufgebaut. 1936 übernahm Ernst Augustin die technische Leitung des Paul-Nipkow-Senders Berlin und ihm wurde 1938 der Ehrentitel Oberingenieur verliehen. In seiner Wohnung in Blankenfelde stand zu dieser Zeit  bereits ein Fernsehempfänger.

 

Der Schriftsteller Lothar Kusche erinnert sich in seinem Buch „Aus dem Leben eines Scheintoten“ (Eulenspiegelverlag 1997) unter anderem im Abschnitt - Pioniere des Fernsehens - „Zuweilen verbrachte ich die Schulferien in Blankenfelde südlich von Berlin bei Tante Herta und Onkel Walter. Schräg gegenüber wohnte die Familie Augustin in einem schönen Haus mit großem Garten, darin veranstalteten die Brüder Augustin und ich leise und laute Spiele, hauptsächlich laute, jeder von uns war ungefähr zehn Jahre alt. Wenn es mal regnete gingen wir ins Haus, und dort durften wir manchmal Fernsehen. Vater Ernst Augustin, als Ingenieur an der technischen Entwicklung des Sehfunks maßgeblich beteiligt, hatte einen Empfänger im Wohnzimmer, ein Ding aus poliertem Holz, 50 oder 60 Zentimeter breit wie tief und mindestens anderthalb Meter hoch. Denn die Bildröhre war so lang, daß sie in diesem Möbel stehen mußte und damals noch gar nicht Bildröhre hieß, sondern Bildrohr. Klappte man den Deckel auf, so reflektierte ein Spiegel an der Innenseite das Bild vom Schirm des Fernsehrohrs. Zur Probe wurden hauptsächlich Filme ausgestrahlt. Welche das waren weiß ich nicht mehr. Es kam nicht darauf an, was man fernsah, sondern, daß man fernsah. .... Vater Augustin war einer der Pioniere des Fernsehens, seine Söhne und ich gehörten zu den Jungen-Pionieren des Fernsehens, obwohl es diesen Begriff damals noch nicht gab, so wie es ihn heute nicht mehr gibt. Auch das spätere „Fernsehen der DDR“ hat dem Ingenieur Ernst Augustin vieles zuverdanken,...“

 

Als 1941 durch Kriegeseinwirkung der Berliner Fernsehsender zerstört wurde ging Ernst Augustin zur Tobis Film AG, wo er an Problemen des Hochfrequenz-Magnettonverfahrens für synchrone Ton- und Bildaufnahme arbeitete.

 

1945, als Volkssturmmann in Berlin verwundet, kehrte er im Sommer nach Hause zurück. In Blankenfelde wurde bereits im Herbst 45 eine Gemeindewerkstatt errichtet, in der er seine Kraft als Ingenieur und Konstrukteur einbrachte. Unter seiner Leitung und nach seinen Entwürfen wurde in Blankenfelde kurz nach dem Kriege der Saal des Gasthofes Schwan zum Kino um- und ausgebaut. Für Veranstaltungen und zur Information der Bevölkerung, - die Radioempfänger waren 1945 zum großen Teil im Rahmen von Reparationsleistungen eingezogen worden -, benötigte die Gemeinde eine Verstärker- und Beschallungsanlage. Diese wurde von E. Augustin geplant und unter seiner Mitwirkung bei der Beschaffung wichtiger Teile realisiert. Clou zu dieser Zeit war auch eine mobile Verstärkeranlage, die in einem PKW installiert werden konnte. Mit ihr konnte man durch den Ort fahren und z.B. die Bürger über geplante Einsätze zum Bau des Blankenfelder S-Bahnhofes im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes (NAW) aufrufen.

 

Ab Oktober 1946 arbeitete Ernst Augustin in Potsdam-Babelsberg als Leiter des Magnettonlabors im Technischen Büro für Kinematografie. Dort konnte er einige seiner Ideen bezüglich der synchronen Magnettonfilmaufnahme und -wiedergabe verwirklichen. 1949 wurde er hier als einer der ersten Werktätigen mit dem Titel Aktivist ausgezeichnet. Am 1. Oktober 1949, kurz vor Gründung der DDR, wurde er als Oberingenieur im Zentrallaboratorium der Generalintendanz des Rundfunks eingestellt, mit dem Auftrag, den Aufbau und die Entwicklung des Fernsehens im Osten Deutschlands voran zu treiben.

 

Bereits im Mai 1950 konnte unter seiner Leitung das Bauvorprojekt und im Juni die Feinplanung vorgelegt werden. Am 13. Juni 1950 begann der Bau des Deutschen Fernsehzentrums in Berlin-Adlershof.

 

Parallel zu den Planungen für das Bauprojekt begann Ernst Augustin bereits 1949 mit einem kleinen Kreis zur Verfügung stehender Techniker die Entwicklung und den Bau der ersten Fernseh-Studioausrüstungen. Durch intensive aufopferungsvolle Arbeit der Beteiligten konnte bereits im Juni 1952 der erste Sendeversuchsbetrieb mit einem 100-Watt-Sender vom Stadthaus in Berlin aufgenommen werden. An die Zeit des ersten Sendeversuchsbetriebes im Juni 1952 bis zur Aufnahme des offiziellen Versuchsprogramms am 21. Dezember des gleichen Jahres habe ich tiefe eigene Erinnerungen.

 

Auf meinem Elternhaus stand ein Antennenmast, der die Hausspitze um ca. 6 Meter überragte. An ihm war eine große Dipolantenne mit mehreren Direktoren und Reflektoren befestigt, um das schwache Sendesignal des Versuchsenders in dieser Entfernung noch empfangen zu können. Die Antenne war mit einem der ersten Fernsehempfänger, - ich glaube ein Typ Leningrad -, im Arbeitszimmer meines Vaters verbunden. Auf dem Schreibtisch stand ein Telefonapparat mit einer Kurbel (ohne Wählscheibe). Er war mit einer Direktleitung zum Fernsehbetrieb in Adlershof verbunden. Wenn ich, 15jährig und Schüler einer 9ten Klasse, aus der Schule kam, nahm ich am Schreibtisch meines Vaters Platz und schaltete den Apparat ein. Neben den Schularbeiten, sofern ich welche gemacht habe, hatte ich den Auftrag das Testbild zu beobachten, das zwischen den Filmrollen eingeblendet wurde. Es wurde täglich der Film „1;2;3 Corona“   - ein Zirkusfilm aus dem zerstörten Nachkriegs-Berlin - gesendet. Den Film kannte ich nach kurzer Zeit auswendig. Auf dem die Pausen füllenden Testbild waren Linien zu sehen, die wie ein Fächer zusammenliefen. Neben dem Fächer waren Zahlen als Gradmesser für die Bildauflösung angebracht. Diese Ziffern wurden von mir dann per Telefon durchgegeben.

 

Der Antennenmast wurde nach dem Tode meines Vaters bei einer anstehenden Dachreparatur vom Dachboden entfernt und lag mehrere Jahre im Garten herum. Als meine Kinder in das Alter kamen, eine Schaukel zu benutzen, feierte er Auferstehung als Schaukelgestell und Klettergerüst, an dem nun schon die Urenkel von Ernst Augustin turnen.

 

Die Inbetriebnahme des Öffentlichen Fernseh-Versuchsbetriebes erfolgte am 21. Dezember 1952 mit einem 2-Kilowatt-Programmsender.

 

In Würdigung seiner Verdienste um den Aufbau des Deutschen Fernsehfunks wurde Ernst Augustin am 7. Oktober 1952 mit dem Nationalpreis der DDR geehrt. 1955 wurde er an das Betriebslaboratorium für Rundfunk und Fernsehen berufen und widmete sich bis zu seinem Tode als wissenschaftlicher Leiter des Fachgebietes Technische Planung der ständigen Bearbeitung und Aktualisierung der technischen Perspektive für die Deutsche Post, zu der die Technik von Rundfunk und Fernsehen gehörten.

 

Der Tod riß den Vater von vier Kindern, 2 Tage nach seinem 59. Geburtstag, plötzlich und unerwartet aus einem schaffensreichen Leben.

 

Eine späte Ehrung seiner Leistungen ist durch die Berlin-Adlershof Aufbaugesellschaft GmbH vorgesehen, indem in der „Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien“, auf dem ehemaligen Gelände der Akademie der Wissenschaften und des Deutschen Fernsehfunks, eine Straße den Namen „Ernst Augustin“ erhalten wird.

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. VI, Zweites Jahr-Buch, Ernst-Günter Augustin

Bei leiser Musik

von

Erhard Augustin

 

Die von meinem Bruder, Ernst-Günter, im Zweiten Jahr-Buch chronologisch korrekt dargestellten Schlaglichter aus dem Lebenslauf meines Vaters beleuchten sehr anschaulich das bewegte Leben eines Technikers, Konstrukteurs, Erfinders und Mitgestalters der Entwicklung von Rundfunk und Fernsehen von ihren Anfängen bis zum Reifegrad der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, eines leidenschaftlichen Knoblers, dessen Beruf nicht nur ein normaler „Job“, sondern eine echte „Berufung“ war, die ihn Tag und Nacht beschäftigte und nicht zur Ruhe kommen ließ, wenn es um die Lösung anstehender, schwieriger Probleme ging.

 

So sollen nachstehend einige Begebenheiten und Episoden aus dem Leben unseres Vaters noch einmal aus einer anderen, etwas familiären Sicht dargestellt werden, um Ernst Augustin auch etwas von seiner menschlichen Seite her zu beleuchten. Unser Vater war ein außergewöhnlicher Mensch, der Beruf und Freizeit stets als Einheit betrachtet hat, worüber nachfolgend beispielhaft berichtet werden soll.

 

Immer - selbst im recht seltenen Familienurlaub - hatte er z.B. Bleistift und Papier zur Hand, um spontane Einfälle und reifende Ideen rasch zu skizzieren und möglichst detailliert festzuhalten. Er hatte ein ausgesprochenes Talent, konstruktive Ideen sofort „perspektivisch“ korrekt und dadurch unglaublich anschaulich zu zeichnen. Viele dieser „Entwürfe“ wurden dann zu gegebener Zeit „präzisiert“ und - wenn erforderlich, um die Anschaulichkeit noch weiter zu erhöhen oder um seine Ideen in der Praxis durchzusetzen - als Modelle aus Papier, Pappe und Sperrholz gebastelt und mit viel Liebe, Fingerfertigkeit und Einfallsreichtum gestaltet. So entstanden Modelle von Film- und Fernsehstudios, von Fernsehkameras, einem Rundfunk-Übertragungswagen u.v.a.m..

Unser Vater war - trotz aller beruflichen Anforderungen, die auf ihn als „nichtstudierten Wissenschaftler“, als Autodidakt zukamen - in der viel zu kurzen, verbliebenen Zeit, die er sich als  Freizeit  zur  Entspannung  und  Erholung im Kreise seiner Familie gönnen konnte, ein fürsorglicher, guter Familienvater. Er liebte seine Familienangehörigen, insbesondere uns vier Kinder, und ließ es sich nicht nehmen, z.B. für uns seine ganze Bastelleidenschaft zur Geltung kommen zu lassen, indem so manches Spielzeug „in der eigenen Werkstatt“ entstand. So entstanden u.a. Puppenstuben, Autos, komplette Aufbauten der „Platte“ und des gesamten Zubehörs für eine elektrische H0-Eisenbahn - einschließlich der künstlerisch perfekten Bemalung und Hintergrundgestaltung - heimlich im Keller. Wenn wir dann unsere Mutti fragten, was denn der Vati da so klopft, dann hieß es meist: „er repariert dies oder jenes“. In Wirklichkeit entstand ein Tunnel für die Eisenbahn, den er aus Weißblech mit dem Hammer in die richtige, gebirgsrealistische Form brachte, um ihn anschließend farbig zu gestalten und dann zum Weihnachtsfest - auf der Anlage als Neuheit zu präsentieren. Dies waren mit Sicherheit die schönsten und einmaligsten Geschenke, die man eben nicht im Laden kaufen konnte.

 

Unser Vater war auch ein sehr humorvoller, origineller und witziger Mensch, wenn er - was allerdings nur selten vorkam - mit uns Kindern, mit unserer Mutti oder auch mit seiner von ihm sehr geliebten und verehrten Schwiegermutter, unserer Omi, seine Scherze machte, so daß am Ende alle Betroffenen um das Lachen nicht umhin kamen.

Ich sagte schon, daß unser Vater sich als Autodidakt sein ganzes Wissen und Können mit viel Fleiß und Mühe aneignen mußte, um im Kreise seiner Kollegen mithalten, bestehen und leiten zu können. Er liebte seine Fachbücher, die er sich von seiner Jugend an zulegte und nach intensivem „Studium“ sicher in- und auswendig kannte. Er hatte ja in seiner Jugendzeit nicht das Glück, wie viele junge Menschen heute, sich sein Fachwissen an einer Ingenieur- bzw. Fachhochschule anzueignen. So entstand ein enormes Arsenal an Fachbüchern, da er bestrebt war, alle für sein Gebiet wichtigen Neuerscheinungen zu erwerben und anschließend durchzuarbeiten. Das war für ihn die Quelle, sich das für die ständig wachsenden beruflichen Anforderungen notwendige Wissen - theoretisch und praktisch - anzueignen. Auch hierbei kamen ihm seine handwerklichen Fähigkeiten und seine Bastelleidenschaft hilfreich zu Gute.

 

Im Laufe der Zeit wurde nämlich fast der gesamte Keller seines Hauses in eine gut ausgestattete Werkstatt und in ein Elektronik-Labor und eine umfangreiche Sammlung aller denkbaren mechanischen und elektronischen Bauelemente umgestaltet. Hier konnte er alle für den damaligen Elektroniker notwendigen mechanischen Arbeiten verrichten, Experimentalaufbauten aller Art realisieren, verdrahten und anschließend experimentell erproben. Er verbrachte - sicher zum großen Leidwesen der restlichen Familie - fast seine gesamte Freizeit in „seinem Keller, seinem Reich“. Hier entstand so mancher Experimentalaufbau, mit dem er sich seine erlesenen Erkenntnisse bestätigen oder widerlegen lassen konnte, hier lernte er - ganz allein und ungestört, bei leiser Musik aus dem Radio, einer guten Tasse Kaffee und einer guten, häufig „kalten“ Zigarre in greifbarer Nähe. Eine Unterbrechung gab es nur - oft nach mehrmals vergeblichem Rufen der Hausfrau, wenn das Essen auf dem Tisch stand und allmählich kalt wurde - zur Einnahme von Speisen - ohne die, wenn es nur nach ihm gegangen wäre, die Welt auch nicht untergegangen wäre, wenn er gerade mit einem spannenden Experiment beschäftigt war.

 

Sein Labor - ausgestattet mit vielen Meßgeräten, die er bei Ausmusterungen häufig sehr preiswert erstehen konnte und die für seine Zwecke allemal noch gut genug waren oder durch zahlreiche, von ihm selbst gebaute Einrichtungen und Hilfsmittel ergänzt wurden - war „sein Ein und Alles“. Hier entstanden zahlreiche  Rundfunkempfänger, Fernsehgeräte oder entsprechendes Zubehör, Schallplattenaufnahme- und Wiedergabetechnik, Tonverstärker hoher Leistung und zuletzt Modelle der gerade zur Reifung herangewachsenen Magnettontechnik, an deren Entwicklung und Perfektionierung unser Vater ja auch beruflich aktiv tätig war. Der Keller „mutierte“ zu einem Akustik-Studio, in dem er vielen Freunden oder Kollegen, die er gelegentlich als Gast in seinem Haus begrüßen konnte, den - für damalige Zeiten noch ungewöhnlichen - „Sound“ eines elektronisch auf Platten oder Tonbändern gespeicherten Orgelkonzerts oder auch heißer Tanzrhythmen vorspielen konnte, meistens zum Erstaunen und zur Begeisterung der Zuhörer über die „sagenhafte“ Tonqualität.

 

Unser Vater war auch eingetragenes Amateurfunkmitglied; aber nicht, um nächtelang an fertigen Funksende- und -empfangsanlagen zu sitzen, um nach Funksignalen ferner Amateure zu lauschen und mit den Gegenspielern funkelektronisch zu kommunizieren.

Nein, unserem Vater ging es nur um das Selbstbauen der Funksende- und -empfangsgeräte, einschließlich der - häufig wegen der geringen verfügbaren Sendeleistung - aufwendigen Antennen im Garten oder auf dem Dach, so daß unser Haus nicht selten mit einer Funkstation verglichen worden ist - eine Tatsache, die uns beim Ein- bzw. Durchzug der Roten Armee im April 1945 beinahe das Leben gekostet hätte, worauf ich später noch einmal zurückkomme. Wenn dann das System mit den erwarteten Daten „spielte“, war er zufrieden und verlor das Interesse an diesem Metier.

Ich erwähnte schon, daß unser Labor am Kriegsende beinahe noch das Leben gekostet hätte, wenn nicht ein - offensichtlich kundiger und besonnener - sowjetischer Sergeant das Schlimmste verhindert hätte, nämlich unser Haus in die Luft zu sprengen.

 

Mit dem Durchmarsch der Roten Armee in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 entdeckten die sowjetischen Soldaten natürlich auch die Funkantennen auf unserem Grundstück und vermuteten mit Sicherheit in unserem Haus eine militärische Funkstation. Man betrat unser Haus,  bedrohte  uns  mit  der  Waffe und verbannte uns in den Luftschutzkeller, der innerhalb der Werkstatt von meinem Vater errichtet worden war. Unser Vater war wahrscheinlich zum Glück nicht anwesend, weil er noch in den letzten Kriegstagen als „Volkssturm-Angehöriger“ eingezogen und mit dem Gewehr in der Hand zur Verteidigung Berlins in den Krieg  geschickt und dabei auch noch - Gott sei Dank nur am Oberschenkel - verwundet worden ist. Wäre er dagewesen, dann wäre wahrscheinlich mit uns „kurzer Prozeß“ gemacht worden, so aufgebracht, wie sich die Soldaten in unserem Hause aufführten. Sie zückten die Pistolen und dann hörten wir, im Luftschutzkeller völlig verängstigt wartend und nur mit einer dünnen Wand vom Labor getrennt - das hat sich tief in mein 14jähriges Bewußtsein eingeprägt und läßt mich auch heute noch nicht vergessen - wie sie nacheinander mit Schüssen in die Instrumente und Experimentalaufbauten hinein, einen Teil dieser „Einmaligkeiten“ sinnlos und unwiederbringlich zerstörten - mit aller berechtigten Wut über die Erfahrungen mit dem Nazi-Deutschland. Aber dann brach alles ganz plötzlich ab, die Soldaten entfernten sich und zu uns kam der besagte Sergeant, der mich, als den „Ältesten“ befragte und sich die Aufgaben und Möglichkeiten des Labors erklären ließ. Er konnte gut deutsch und hatte ganz offensichtlich Ahnung von der dort erkennbaren Technik, die ja bei näherem Hinsehen alles andere war, als eine Technik im Sinne einer militärischen Funkstation - - - . Von diesem Zeitpunkt hatten wir Ruhe vor diesbezüglich ungebetenen Gästen; aber nachdem sich alles beruhigt hatte, inzwischen der Krieg beendet worden war, fanden wir beim Aufräumen des zum Teil zerstörten Labors auf dem Fußboden eine Handgranate, die offensichtlich von „abziehenden“ Soldaten seinerzeit „vergessen“ worden war. Sie sollte sicherlich die Existenz des „Geheimsender“ mit Nachdruck beenden, wozu es aber zum Glück nicht mehr gekommen ist, und deshalb leben wir auch heute noch.

 

Anschließend will ich noch einige Worte zum Fernsehen der damaligen Zeit sagen. Nachdem 1951 im Dezember die Versuchssendungen des „Deutschen Fernsehfunks“ in den - von unserem Vater maßgeblich entwickelten und technisch mitgestalteten - ersten Fernsehstudios nach dem Kriege in Berlin Adlershof produziert und über den Fernsehsender auf dem Berliner Stadthaus im Fernsehband I ausgestrahlt wurden, war unsere Familie wahrscheinlich die erste im Ort Blankenfelde, die die Gelegenheit hatte, diese Fernsehsendungen zu empfangen. So gestaltete sich abends vor dem Fernseher das Familientreffen - und es blieb nicht aus, daß sich diese Möglichkeiten, schon wegen der auf dem Hause deutlich sichtbaren, relativ großen, unförmigen Dipolantennen, auch in der Nachbarschaft und bald darüber auch hinaus in ganz Blankenfelde herumsprachen. Noch heute werden wir von den Altblankenfeldern daraufhin angesprochen, daß viele von ihnen damals als „Besucher unserer Fernsehstube“ den  einen  oder  anderen  Fernsehabend  in  unserer  Mitte  verbringen  durften, offenbar unvergeßlich als nachhaltiges Erlebnis in die Erinnerungen an die bewegten „alten Zeiten“ eingeprägt.

 

Und so möchte ich auch an dieser Stelle meine „Erinnerungen an meinen Vater“, der 1961 - mit 59 Jahren viel zu früh - verstorben ist, beenden. Er hat mein Leben nachhaltig geformt, in dem er mich schon in meiner frühen Jugendzeit in seine Labortätigkeit mit viel Liebe und Freude einbezogen hat. Er hat in mir die Freude am Experimentieren auf dem Gebiet der Elektrotechnik, Elektronik und Akustik geweckt und immer wieder zum Ausdruck gebracht, daß das Lernen und Studieren, das ihm an einer Fach- oder Hochschule niemals vergönnt war, meinem künftigen Entwicklungsweg auf diesem - „seinem“ - Gebiet der Technik sehr nützlich sein würde. Er konnte durch seinen frühen Tod meinen Weg bis zum erfolgreichen Hochschullehrer für das Gebiet „Funktechnik“ nicht mehr erleben, ist aber „im Geiste“ während meines gesamten Berufslebens stets bei mir gewesen, und wenn es in Form „seiner Bücher“ war, aus denen auch ich noch viel lernen konnte.

 

Herausgeber: Kulturverein Blankenfelde e.V., Blankenfelder Blätter No. VIII, Drittes Jahr-Buch, Erhard Augustin

 

 

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