Kulturverein Blankenfelde e.V.
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Sibylle Bergemann

1941 - 2010

Schüler der Karl-Liebknecht-Schule

Baumannshöhle, Harz, 1956

Sibylle Pohl (Bergemann), sitzend neben dem Stalagmit

Abschied am Abend

 

von Bernd Heimberger

 

Sibylle ist ein Kind der ersten GAGFAH-Generation gewesen. Sibylle, aus dem Birkenweg 35, Herta und Otto Pohl´s Tochter. Die Pohls hatten eine Doppelhaushälfte auf einer begehrten Waldparzelle erworben. Keine Hausgeburt, kam Sibylle, wie viele GAGFAH-Kinder, in der Reichshauptstadt Berlin zur Welt. Und das an einem der Tage, da deutsche Mörder in Uniform im ukrainischen Babi Jar 34 Tausend jüdische Menschen umbrachten. Berlin war für Sibylle die Welt. Sie war eine bekennende Berlinerin. Ende 1961 zog sie in die Stadt.

 

Sibylle wurde am 29. August 1941 geboren. An dem Tag feierte die schwedische Schauspielerin Ingrid Bergmann ihren 26. Geburtstag, die 41 Jahre später, am 29. August 1982, starb. Wußte Sibylle das? Ist ihr bewußt geworden, was sie der Bergmann vergleichbar machte? Die Statur, zum Beispiel. Der Mund, zum Beispiel. Und auch der immer gleich bleibende freundliche Blick? Darüber haben wir nicht gesprochen. Wenn wir etwas gemeinsam hatten, dann den Neunundzwanzigsten. Ich war der Nachge- kommene, der acht Monate später da war. Diese Nähe wurde wichtig für uns. Zumindest für acht Lebensjahre. 1948 kamen wir in die erste Klasse der Karl-Liebknecht-Schule. In eine der vier Ersten Klassen unseres Schuljahrgangs. Ein Einschulungsfoto unserer Klasse existiert nicht. Nicht nur unserer Klasse. Es fehlen die Einschulungsfotos sämtlicher Jahrgänge der zweiten Hälfte der vierziger Jahre. Auch die Zuckertüte war nicht das Selbstverständliche. Zumeist war sie größtenteils mit Papier ausgestopft.

 

Da wir beide aus der GAGFAH waren, blieben wir in einer Klasse. Auch das war nicht so selbstverständlich, da aus vier Klassen drei, aus drei schließlich zwei Klassen wurden, wofür die Abgänge gen Westen sorgten. Man sprach von Republikflucht! Mir war das ständige Teilen der Klasse zuwider. Am widrigsten war für mich, zeitweise aus der Karl-Liebknecht-Schule ausgeglie-dert zu werden. Wir mußten zum Unterricht an den Karl-Marx-Platz, wo wir sehr beengt in den Wohnräumen des früheren Schuldirektors Walter Damm saßen. Es war eine winterliche Jahreszeit. Es war dunkel, wenn wir uns auf den Weg machten. Sibylle stand, gar nicht so zufällig, an der Ecke Birkenweg/Drosselsteig, in den ich zwei Straßen zuvor einbog. Was hatten wir uns zu sagen? Acht-Neunjährige? Sagten wir was? Eines Morgens geschah, „was Mädchen so tun“, wie eine Freundin meint. Sibylle nahm meine Hand in ihre Hand. So wärmten wir unsere kalten Hände. Jeden Morgen. Eine Weile. Wenige Minuten auf dem Weg zur Schule. Frau Fiedler war unsere Lehrerin, der wir das Leben nicht schwer machten, wie sie uns nicht. Irgendwann waren wir wieder in der „richtigen Schule“ und der gemeinsame Schulweg, der, den jeder für sich ging. Immer Klassenkameraden, wurden wir nie Schulfreunde. Wir beide eigneten uns nicht zum Klassenclown, Klassensprecher und drängten auch nicht in den Pionierrat. Sibylle war eine stille Schülerin. Wenn die Sonne in ihr rötliches Haar schien, glänzte es kupfern-gold. Das stellte ich fest, als wir im Chemieraum saßen und Sibylle den Lehrer zur Weißglut brachte. Die Stille war plötzlich eine Aufmüpfige. Die Zarte wurde recht proper, die sich in hautenge Jeans preßte. Die Schweigsame benahm sich vorlaut-pöbelhaft. Sibylle war in der Pubertät. Die Mutter, gesprächig und verständnisvoll, war besorgt. Ich, der „vernünftige Junge“, war aber kein Anstandswauwau. Ich hatte keine Lust, mit den Gruppen der Gleichaltrigen durch die Gegend zu streunen, die ihren Rock´n´ Roll-Kult mit allen Mitteln austobten. Sibylle mittendrin.

 

Jede unserer Annäherungen hatte zugleich mit Abstand zu tun. Der wurde bestimmend, als Sibylle unsere Schule nach der Grundschule verließ. Wenn wir uns, selten genug, in Blankenfelde sahen, gabs einen Gruß, kein Gespräch. Was ich über Sibylle fortan wußte, wußte ich von Herta Pohl, die eine Lebenskünstlerin mit künstlerischem Sinn war. Wann traf ich Sibylle wieder? Wo? In der unwirtlichen Gegend der S-Bahn-Station Warschauer Straße? In der Helsingforser Straße hatte der Verband Bildender Künstler die erste und einzige Fotogalerie Ost-Berlins eingerichtet. Zur Eröffnung stellten Fotografinnen aus. Auch Sibylle Bergemann, die sich als Modefotografin einen Namen gemacht hatte. Sibylle stand da: Zierlicher, zarter, als ich sie in Erinnerung hatte. Zurückhaltung war ihre Haltung. Sie blieb im Hintergrund. Sie beteiligte sich, indem sie beobachtete. Das habe ich beobachtet. Das habe ich immer wieder beobachtet, wenn wir uns in Ausstellungen oder Galerien begegneten und mit den Worten stets sparsam waren. Mit Sibylle konnte man wortlos im Einverständnis sein. Und sei es in dem Einverständnis, die allgemein übliche Geschwätzigkeit bei Ausstellungseröffnungen nicht mitzumachen. Ich verdanke es Sibylle nicht, Mitarbeiter der Mode-Zeitschrift „Sibylle“ geworden zu sein. Und ich verdanke es ihr doch. Erklärtermaßen eine Zeitschrift für „Mode und Kultur“, wurde Mode als Kultur präsentiert. Das machten Fotos möglich, die Modelle nicht als Puppen aus Pappmaché zeigten. In den Fotos war mehr von menschlicher Position als purer Pose. Anschauens-wert. Immer neu, immer wieder! Unabhängig voneinander waren wir durch unser Mittun in der „Sibylle“ nah beieinander, die weltweit etwas Einzigartiges war und Deutschland nicht brauchte.

 

Fast ein Jahrzehnt dachten wir daran, in der LEIGA, Blankenfeldes  ersten ständigen Galerie, eine Ausstellung mit Sibylles Frauen-Fotos zu machen. Als ihre Mutter auf dem Evangelischen Waldfriedhof beerdigt wurde, waren wir fest in dem Gedanken, bald die Ausstellung zu verwirklichen. Sibylle blieb zögerlich. Zwingen wollte ich sie nicht. Leicht lächelnd einigten wir uns auf das Jahr 2011, wenn der Siebzigste ist. Es war Schweigen, als wir uns das letzte Mal sahen: In der Akademie der Künste am Pariser Platz. Sibylle Bergemann ist am 1. November 2010 gestorben. Nördlich von Berlin.

Der Rand der Welt, nicht die Mitte

 

von Ingeborg Ruthe

 

Alle warten auf sie: Ohne Sibylle Bergemann wäre dieser 20. Geburtstag der Agentur Ostkreuz kein Fest gewesen. Hinten, in einem stillen Raum der Ausstellung im alten Postfuhramt in der Oranienburger Straße, hingen ihre Fotografien aus den Siebzigern, Achtzigern. Reine Poesie, diese Mädchen vor Mauern. Diese Gesichter, in die das Leben erst noch seine Spuren graben würde, diese Posen aus Schüchternheit und unbewusster, unschuldiger Koketterie. Und das Ambiente: Mauerberlin vor 1989, grau, diffus, melan-cholisch. Da sind die Fotos aus dem Zyklus „Verblassende Erinnerung“: Melancholisch schön – eine rostige Eisenbahnbrücke, in einem verwunschenen Wald, gestrandete Schwanenboote am herbstlichen Ufer, der ruinierte Palast der Republik. Nur wer diese Nichtorte kennt, wird sich an sie erinnern, doch wer sie nicht zu deuten vermag, weil er die Zeit, die sie zitieren, nicht erlebt hat, wird sie mühelos anderswo verorten. Es sind diskrete Mitteilungen vom Wandel der letzten 20 Jahre in Berlin, in Deutschland, in Europa. „Der Wandel“, sagte Sibylle Bergemann in einem Gespräch, „hat die bekannten Zeichen vielleicht verwischt, aber nicht unkenntlich gemacht“.

 

Das war es, warum die Fotografenkollegen von Ostkreuz und die Studenten der gefragten Ostkreuzschule, sie als Grande Dame des Metiers behandelten: Niemand konnte so wie sie eine zweite, eine dritte Ebene in die schwarz-weißen Bilder hineinweben, so, als wäre die Kamera ein Webstuhl, dessen Schiffchen eilends, aber akribisch Seidenfäden hin- und herwirft und dann akkurat zu einem Stoff verarbeitet. Für Ostkreuz-Fotografen ist die Würde des Menschen unantastbar. Der Bergemann-Stil ist unverwechselbar. Nie fehlt es darin an Respekt vor Menschen und deren Lebensumständen – ob das in den nachkriegsgrauen Berliner Straßen der Sechziger, Siebziger war oder, dank der Reisefreiheit, die Sibylle Bergemann leidenschaftlich nutzte, in den Straßen von New York, Rio, Hanoi oder Dakar. Sie fotografierte mit unendlicher Geduld, unaufgefordert, altmodisch achtsam, still. „Das verwechseln dann manche mit Langsamkeit“, lachte sie gern über solche Schilderungen.

 

Sie selber beschrieb es ganz schlicht so: „Ich gehe los. Ein Auftrag. Ein Selbstauftrag. Ich beobachte. Ich bin still. Ich warte und warte. Und dann, in einem jähen Moment, baue ich die Motive.“ Sie fand es zutreffend, wenn man sie eine poetische Realistin nannte. „Mich interessiert der Rand der Welt, nicht die Mitte. Das Nichtaustauschbare ist für mich von Belang. Wenn etwas nicht ganz stimmt.“ Ihre Bilder, die früheren wie die späten, gerade auch die Modefotos und die unvergleichbare Serie zum Bau des Marx-Engels-Forums, zeigen mehr als bloß Oberfläche. Mode hieß bei ihr, die über Jahre der gefragten DDR-Zeitschrift „Sybille“ das fotografische Gesicht gab, immer Persönlichkeit statt Pose. Ihre Porträtkunst machte ein Gesicht zur Biographie zwischen Kinn und Stirn. Zumindest ahnungsvoll, wenn es ein junges Gesicht war. „Aber so ein Antlitz über die vierzig, fünfzig und mehr hinaus wird“, sagte sie, „zum Roman, zur Novelle. Oder zum Gleichnis.“

 

Diese wortkarge Fotografin gehörte zu den Meisterhaften, den Unverwechselbaren ihrer Zunft in Deutschland. Bei ihr bleibt das Jedermanns-, Jederzeit- und Überall-Medium stur Kunst mit dem Anspruch, Geschichten ohne Effekte und große Worte zu erzählen: Stimmungshaftigkeit war ihr wichtig, „aber ohne Gefühlsduselei.“

 

Aus: „Berliner Zeitung“

gekürzt

                 

Nachbemerkung:

Sibylle Bergemann ist die einzige Fotografin ostdeutscher Herkunft von der Aufnahmen in die ständige Ausstellung der New Yorker MoMa aufgenommen wurden.

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