Kulturverein Blankenfelde e.V.
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Käte Dünow

1907 - 1993

Lektionen einer Lehrerin

von

Bernd Heimberger

 

Bums! Rums! Und schon war´s geschehen. Ich hatte sie umgerannt. In höchster Eile in den dunklen Korridor einbiegend, waren wir zusammengestoßen. Meine Schuldirektorin und ich. Ich stand fassungslos da. Zu sagen, sie lag in ganzer Länge, ist so richtig wie falsch. Käte Dünow, Direktorin der Karl-Liebknecht-Oberschule, war keine einsfünfzig. Wer war sie? Wie war sie? Sie war eine kleine, schmale Frau. Käte Dünow (1907-1993) wurde auf dem Ehrenfriedhof des Evangelischen Waldfriedhofs Blankenfelde begraben, der den Verfolgten des Naziregimes vorbehalten ist. Sie war eine Antifaschistin, die eine leidvolle Lebensgeschichte hatte. Sie war, wenn auch nur kurzzeitig, Schuldirektorin in Blankenfelde. Gründe genug, sich ihrer zu erinnern?

 

Als Käte Dünow die Niedergestreckte war und ich der Hilflose, reichte sie mir konkret und symbolisch die Hand. Der Direktorin beim Aufstehen helfend, fragte sie: „Du hast dir doch nichts getan?“ Lachend, so daß auch ich lachen konnte. Daß ich ungeschoren davonkam, verdankte ich wohl dem Umstand, daß Mutter, „Großmutter“ und unsere Untermieterin mit den Dünows bekannt waren. Glaubte ich.

 

Als die 40jährige nach Blankenfelde kam, hatte sie bereits eine Biographie, wie sie viele nicht nach einem langen Leben haben. Käte Dünow wurde in Charlottenburg geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit den Kindern nach Spandau. Sie lebten das Leben einer Proletarierfamilie: karg, beengt, abhängig, Käte drängte es, Kargheit, Beengtheit, Abhängigkeit zu überwinden. Freunde fand die Fabrikarbeiterin im Arbeitersportverein „Fichte“. Auch den Lebensgefährten, den die 21jährige heiratete: Kurt Lesch, Schriftsetzer bei der KP-Zeitung „Die Rote Fahne“, die 1934/35 illegal in Blankenfelde gedruckt wurde. Welche Fügung! Im Auftrag der kommunistischen Partei gingen Kurt und Käte Lesch 1933 nach Leningrad. Die Stadt wurde ihnen zur Bildungsstätte und die Sowjetunion zur Heimat. 1935 fuhr Käte, allen Bedenken zum Trotz, noch einmal nach Berlin, um ihre Mutter und die des Mannes zu besuchen. Zwei Jahre später siedelten die Leschs in die Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik über. In Engels hoffte Käte ihren Lebenswunsch wahrzumachen. Sie wollte Lehrerin werden. Aus dem faschistischen Deutschland ausgebürgert, gerieten die Eheleute in die Mühlen der stalinistischen Sowjetunion. Im Februar 1938 verhaftet, 1940 verurteilt und verbannt, kam Kurt Lesch vermutlich 1942 in einem sibirischen Arbeitslager ums  Leben.  Wenige Wochen  nach ihrem Mann  inhaftiert, gebar Käte im Frauengefängnis Engels eine Tochter. Nach anderthalbjähriger Haft bekam die Überraschte einen Studienplatz für Pädagogik. Dabei lernte Käte ihren zweiten Mann, Kurt Dünow (Schapiro) kennen, der sich Max nannte. 13 Jahre älter, war er ein revolutionserfahrener, gebildeter Jude und Käte, die zwei  Kinder verloren hatte, ein tröstender Freund und Partner. 1941 wurde der gemeinsame  Sohn Alexej geboren. Er starb 1945 in Sibirien. Infolge fehlender Medikamente und des Hungers, -wie die beiden anderen Kinder.

 

Max Dünow, (1894-1978) der mit der Roten Armee in Berlin einmarschierte, gelang es erst Anfang 1946, eine Rückkehrgenehmigung für Käte zu bekommen. Seit 1947 lebten Käte und Max Dünow in Blankenfelde. Käte konnte sein, was sie sein wollte. Lehrerin! Russisch-Lehrerin, selbst- verständlich! Eine beliebte Lehrerin? Eine gelobte Direktorin? Käte Dünow war oft hart. Manchmal herrisch. Das ungezwungene, befreiende Lächeln kam erst wieder im Alter in ihr Gesicht. Käte Dünow war keine passionierte Direktorin. 53jährig gab sie den geliebten und belastenden Beruf auf. Das Leben im Deutschland ihrer Jugend, die Jahre in der sowjetischen Emigration hatten Käte Dünow keine Leichtigkeit gestattet. Deshalb konnte sie nie leichtfertig sein. Deshalb war sie zuverlässiger als die meisten Menschen. Deshalb drückten Käte Dünow und ihr Mann Max im ständigen Kontakt mit jungen Menschen eine unnachahmliche Zuversicht aus. Die Dünows halfen, Berufsentscheidungen bewußt zu treffen und so Lebenswege zu erleichtern. Sie ermutigten Mutlose, als die Mauer hochgezogen wurde, Truppen des Warschauer Vertrags in der CSSR intervenierten, Biermann aus der DDR herausgehalten wurde. Käte und Max Dünow waren keine Rechtfertiger, schon gar keine Rechthaber. Sie erklärten, warum sie wofür einstanden. Vor allem für das, was ihre Biographie ausmachte. Sämtliche Erwartungen und Enttäuschungen eingeschlossen? Nein, das dann doch nicht! Vieles wurde verschwiegen. Sich aller Illusionen zu berauben hätte bedeutet, das ohnehin bitter belastete Leben, um allen Sinn zu bringen. Käte Dünow starb mit der Gewißheit, daß der Sozialismus nicht für immer diskreditiert ist. Käte Dünow ließ sich den Sozialismus nicht stehlen, der durch Unfähigkeit, Unzulänglichkeit, Unzumutbares in Verruf kam. Durch Menschen, die unfähig, unzulänglich unzumutbar waren. Käte Dünow war sich sicher, daß die Sozialisten zu wenig geworden waren, um den Sozialismus in ihrer Lebenszeit möglich zu machen. Wer also war Käte Dünow? Eine Sozialistin vor dem Sozialismus? Warum nicht!

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. XV, Achtes Jahr-Buch

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