Kulturverein Blankenfelde e.V.
Kulturverein Blankenfelde e.V.

 

Achtung für einen Architekten

 

Es ist nicht nur eine Legende, daß der Architekt Otto Englberger maßgeblichen Anteil an der Planung hatte, die die  Märkische Promenade möglich machte. Ohne Englberger sähe die Blankenfelder GAGFAH-Siedlung anders aus, als sie aussieht. Die Märkische Promenade ist der Mittelpunkt der Siedlung. Sie ist Blankenfeldes größte Parkanlage. Ohne die Märkische Promenade hätte die Blankenfelder GAGFAH-Siedlung kaum eine Chance gehabt, Ende der dreißiger Jahre, als schönste GAGFAH-Siedlung Deutschlands ausgezeichnet zu werden. Nach Stuttgart und Bremen war Blankenfelde die drittgrößte Siedlung der Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten. (GAGFAH). Im ersten Entwurf des Blankenfelder Bebauungsplans nicht vorgesehen, ist die Märkische Promenade wahrlich mehr als ein beliebiger „Grüngürtel“. Vorteilhaft lockert die Promenade die architektonische Gleichartigkeit der Häuser wie der parallel verlaufenden Straßen auf, deren kürzeste – mit 519 Metern - der Kiefernweg, deren längste – mit 530 Metern - der Lerchenweg ist. Die Märkische Promenade ist der landschaftsgestalterische Akzent der Siedlung, in der am 1. Oktober 1935 die ersten Bewohner ihre Möbel aufstellten. Die Märkische Promenade macht die Attraktivität der Siedlung aus.

 

Ohne Englbergers Mitarbeit wären vermutlich nicht mal die Häusertypen gebaut worden, die der Blankenfelder GAGFAH-Siedlung das charakteristische Gepräge geben. Als Musterhaus baute die Gesellschaft 1934 ein Doppelhaus, das heute noch zwischen dem modernen Formac-Gebäude und der 1902 errichteten Brennerei steht. Weit genug von der Dorfstraße entfernt, ist das Doppelhaus ein Muster geblieben, dem keine Serie folgte. Die GAGFAH, die Architekten der GAGFAH hatten neue, „städterische“ Modelle konzipiert. Daß Englbergers eine Doppelhaushälfte mit direkten Blick auf die Märkische Promenade erwarben war kein purer Zufall. Bevor mit dem Bau der Gagfah-Häuser in Blankenfelde begonnen wurde, hatten sie ein Holzhaus am Zossener Damm bezogen – in nächster Nachbarschaft der Sparkasse – , in dem auch ein Atelier für Ilse Englberger, die Malerin und Graphikerin, eingerichtet war. Die Familie wohnte in der Horst-Wessel-Straße (Erich-Klausener-Straße), Ecke Wiesenweg. Überliefert ist auch, daß sich der Projektant der Promenade statt des breiten Mittelwegs einen Kanal vorstellen konnte.

 

Otto Englberger wurde am 17. August 1905 im mittelfränkischen Erlangen geboren. Gestorben ist er am 28. Oktober 1977 in Weimar. Beerdigt wurde er auf dem Blankenfelder Waldfriedhof der Evangelischen Kirchengemeinde. Blankenfelde wurde der Ruheort des Architekten und seiner Frau. Die Jahre in der Gemeinde Blankenfelde waren Jahre in schwieriger wie entscheidender Zeit und deshalb für den Architekten wesentliche Jahre. „Mein Vater“, so Michael Englberger, der 1952 zum ersten Abiturjahrgang der Karl-Liebknecht-Oberschule gehörte, „wurde als erstes von drei Kindern des Gastwirtsehepaars Michael und Maria Englberger geboren. Als Großvater Englberger 1914 zum Krieg eingezogen wurde, mußte die Gaststätte in der Raumerstraße aufgegeben werden. Großmutter hat die drei Kinder mit Mühe durch den Krieg gebracht.“

 

Seit dem 16. September 1916 Schüler der Realschule Erlangen, wurde dem Absolventen Otto Englberger im „Schlußzeugnis“ vom 11. April 1922 bescheinigt: „Bei großem Fleiß erzielte er ein recht befriedigendes Gesamtergebnis. Seine Leistungen im Zeichnen verdienen besonderes Lob. Auch war er als guter Violinspieler im Schülerorchester sehr eifrig. Sein Betragen nur lobenswert!“ Die weiteren, nötigen Grundkenntnisse für den späteren Beruf erwarb Englberger in der praktischen Arbeit. Er begann eine Maurerlehre, die er mit dem Gesellenbrief abschloß. Das „Gesellen-Prüfungs-Zeugnis“, von der Handwerkskammer Mittelfranken am 4. September 1925 ausgestellt, bestätigte dem jungen Mann, daß er sowohl die „praktische“ wie die „theoretische Prüfung“ mit „sehr gut“ bestanden hatte. Ausgestattet mit dem Handwerker-Zertifikat wanderte der junge Mann durch halb Deutschland, bevor er sich zum Studium an der Bauschule in Nürnberg entschloß. Am 2. Februar 1926 schrieb der Direktor der Städtischen Bauschule Nürnberg „auf Verlangen“ von Otto Englberger, daß der „als Erster, d. h. Bestqualifizierter aus der Schlussprüfung dieses Jahres hervorgegangen ist“. Zugleich nahm der Direktor „die Gelegenheit wahr, zu bekunden, dass Herr Englberger neben technischen Kenntnissen ganz besondere künstlerische zeichnerische Fähigkeiten besitzt“. Nach einer ersten Anstellung im Bauamt von Ochsenfurt/Main erfolgte das Architekturstudium an der Essener Folkwang-Schule. Hier begegnete Otto Englberger seiner künftigen Frau Ilse.

 

1929, noch nicht mal Mitte zwanzig, wurde Englberger „GAGFAH – Architekt“. Das heißt, er wurde Mitarbeiter der in Essen tätigen Wohnungsgesellschaft und hatte somit eine gesicherte Beschäftigung, was damals eine Seltenheit war. 1937 wurde er Chef der Berliner Entwicklungsabteilung der GAGFAH. Nach der Übernahme der Gesellschaft durch die DAF (Deutsche Arbeitsfront) war der Architekt hauptverantwortlich für den Bau der Zehlendorfer „Waldsiedlung“ tätig, die für die höheren Chargen der SS errichtet wurde.

 

Nie Mitglied der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei), wurde Otto Englberger im Mai 1945 in die erste Gruppe der Amtsleiter der neuen Gemeindeverwaltung in Blankenfelde berufen. Daß dem Architekten das Bauamt übertragen wurde war naheliegend. Keineswegs selbstverständlich war, daß ein Parteiloser ein Amt in der Gemeindeverwaltung bekam. Otto Englberger, der einzige Parteilose in der ersten Nachkriegsverwaltung, war bis Frühsommer 1950 in der Gemeinde beschäftigt. Monate nach der fünfjährigen Dienstzeit in Blankenfelde wurde die Zentralschule am Zossener Damm eröffnet und der Bahnhof Blankenfelde eingeweiht. In seiner Funktion als Leiter des Bauamtes hatte Englberger, gemeinsam mit dem Landrat des Kreises Teltow, Richard Meschkat, jahrelang für den Bau des Bahnhofs gestritten und die Bevölkerung für die freiwillige Aufbauarbeit begeistert. Verantwortlich für den Ausbau des Dachgeschoßes der Karl-Liebknecht-Schule, wurde der Architekt seiner Profession durch den Bau der Schulen im Blankenfelder Dorf wie in Sperenberg gerecht. Wurde das Gebäude in Blankenfelde auf den jahrhundertealten Grundmauern des einstigen Herren-, späteren Gutsverwalterhauses errichtet, so ist die nicht unterkellerte Sperenberger Schule ein zeitgerechter ländlicher Fachwerkbau. Kennzeichnend für beide Bauwerke ist ihre strenge Symmetrie. Unverkennbare Ähnlichkeiten zeigen die Dachgauben, das Treppenhaus, die Aula, die in Sperenberg in ihrer ursprünglichen Form nicht erhalten ist.

 

Die „Alte Aula“, wie heute achtungsgebietend der Schulbau am Zossener Damm in Blankenfelde genannt wird, ist ein Bauwerk, das nicht beziehungslos zu anderen im Ort gebaut wurde. Die 2004 wiederhergestellte, zweiseitige Freitreppe, der kleine Rundbogen des Haupteingangs, sind architektonische Zitate der Grundschule in der Karl-Liebknecht-Straße. Die Dachgauben der „Alten Aula“, davon darf getrost ausgegangen werden, erinnern an die Gauben des 1948 abgerissenen Schloßes. Daß sowohl der Schulbau in Sperenberg, jetzt von der „Erwachsenenbildung Land Brandenburg e.V“. genutzt, wie auch die „Alte Aula“ restauriert sind, könnte als späte, regionale Ehrung für Otto Englberger verstanden werden. Wohnungsbauten, Schulgebäude sind die wichtigsten Bauwerke des Architekten, der für seine Entwürfe zur Stalinallee (Karl-Marx-Allee) den 3. Preis gewann. Gern und zugleich ein erfolgreicher Hochschullehrer, schätzten die Studenten der Weimarer Hochschule für Architektur die praxisorientierte, soziale, kollegiale Art ihres Professors, der 1954 Rektor der Hochschule wurde. Während des Vierteljahrhunderts, das Otto Englberger in Weimar lebte, ist er auch ein Weimaraner geworden, wie jeder, der eine Weile in Weimar wohnt. Etwas kühn, etwas willkürlich ist es daher, Englberger auch einen Blankenfelder zu nennen. Durch sein Tun in Blankenfelde, für Blankenfelde, ist er zumindest ein Blankenfelder ehrenhalber geworden. Wie ihn gebührend in der Gemeinde ehren? Es würde die Gemeinde ehren, sie erklärt die Grabstelle der Familie Englberger auf dem Waldfriedhof zum Ehrengrab.

 

Als Fremder in den Ort gekommen, war Otto Englberger nicht nur ein zeitweiliger Einwohner Blankenfeldes. Er war und bleibt in Blankenfelde anwesend. Solange, wie sich Menschen seiner Leistungen für die Gemeinde erinnern. Solange an seine Leistungen erinnert wird. Solange seine Bau-Werke sichtbar sind. Siehe „Alte Aula“. Trotz einiger unsachgemäßer Veränderungen konnte in den vergangenen Jahren einiges für die Wiederherstellung des früheren Zustands des Gebäudes getan werden. Auch die Rekonstruktion ist ein Ausdruck der Achtung und Anerkennung, die der Architekt Otto Englberger verdient.

                                                                                                                                                                                            Bernd Heimberger

 

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. XII, Sechstes-Jahr-Buch, Bernd Heimberger

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