Kulturverein Blankenfelde e.V.
Kulturverein Blankenfelde e.V.
Ingeborg und Günther Feustel

Blick ins Buch

 

In Gedanken an und für Günther Feustel

 

Wann und wo ist Blankenfelde in der Literatur aufgetaucht! In der erzählenden Literatur! Hat sich das je jemand gefragt? Und dann auch nachgeschaut?

 

Als ich einem Klassenkameraden vor Jahrzehnten das Buch „Die Bande vom oberen Kiefernweg“ zum Geburtstag schenkte, war die Frage nicht: Was hat das mit Blankenfelde zu tun? Gar mit uns – den Schülern? Günther Feustel, der Autor des Buches, war Lehrer an unserer Schule. Er wohnte, wie auch wir, in der GAGFAH-Siedlung. Er wohnte im Kiefernweg. Nummer 47. Das war die letzte sämtlicher Hausnummern der Straße. Wir durften also vermuten, dass der Kiefernweg unser Blankenfelder Kiefernweg war. Wie da nicht neugierig sein? Wie da nicht herausfinden wollen, was es mit dem „oberen Kiefernweg“ auf sich hatte? Vor allem mit jener Bande, von der im Titel die Rede war. Was hatte sich in unserer Nachbarschaft zugetragen, ohne, dass wir etwas bemerkten? Kannten wir GAGFAH-Gören nicht alle Gören der GAGFAH? Wir taten so. Doch so war es nie.

 

Das Buch eignete sich gut als Geschenk. War es ein gutes Buch zum Lesen? Weiß ich nicht! Der beschenkte Klassenkamerad äußerte sich nie. Ich erinnere mich auch nicht, je mit einem Altersgenossen über „Die Bande vom oberen Kiefernweg“ gesprochen zu haben. War das Buch wirklich nie Gesprächsstoff? Einmal schon. Ein Junge aus dem Kiefernweg protzte damit, eine der Personen des Buches zu sein. Berechtigt, unberechtigt? Danach habe ich Günther Feustel zu keiner Zeit gefragt. Mit den Jahren verschwand das Buch aus dem Blick. Es bestimmte nicht die literarische Laufbahn des Schriftstellers. Es wurde zum Bestandteil seiner schriftstellerischen Biographie.

 

Der Kinderbuchverlag Berlin, in dem „Die Bande vom oberen Kiefernweg“ erschien, machte keine Angaben zum Erscheinungsjahr. In Schülerschönschrift geschrieben, gibt es am Schluß des Buches einen Brief an den Verfasser. Eindeutig ist der Ort Blankenfelde genannt. Der Brief beginnt: „Blankenfelde, im Oktober 1956“. Die sechs Hauptpersonen lesen dem Herrn Literaten die Leviten. Sie bemerken: „Außerdem übertreibt das Buch auch mächtig, jawohl!“ So ist das nun mal: Literatur ist nicht Leben, Leben nicht Literatur! Damit niemand was verwechselt, in Blankenfelde, im Kiefernweg, schleicht sich der Schriftsteller elegant mit dem Kunstgriff des Schülerbriefes aus der Verantwortung. Günther Feustel ist nicht den möglichen Modellen, Motiven, Geschichten der Wirklichkeit verpflichtet gewesen. Mit „Die Bande vom oberen Kiefernweg“, die nicht den Kiefernweg beschreibt, hat er eine neue Wirklichkeit vom Kiefernweg geschaffen.

 

Blankenfelde ist der wirkliche wie erfundene Ort der Handlung. „Aufs große Ehrenwort“, wie der ungelenke, kluge Ernst im Buch zu sagen pflegt. Welcher Straßenabschnitt war denn für Günther Feustel der „obere Kiefernweg“. Kein Zweifel! Als Freund nicht immer durchschaubarer Zahlenspiele, mit denen der Lehrer Feustel die Schüler gern überraschte, liebte er die Genauigkeit. Selbstverständlich war die Nummer 12, in der Nina wohnte, der untere Kiefernweg. Selbstverständlich war die Nummer 47 der obere Kiefernweg. Damit war klar, in welchen Häusern die Bande hauste. Der obere Kiefernweg mündete in den Drosselsteig. Prompt heißt er im Buch Drosselsteig und kommt zweimal ins Gespräch. Schließlich ist er der Schulweg der Bandenmitglieder, die Schüler einer 6. Klasse sind. Das untere Ende des oberen Kiefernwegs wird vom „Grünstreifen“ begrenzt, der ohne weiteres als „Märkische Promenade“ zu identifizieren ist. Wird die „alte Dorfschmiede“ erwähnt oder ein „Eisenwarengeschäft“, wissen Alteingesessene sofort, was gemeint ist. Das Eisenwaren-geschäft der Frau Abelein war an der Ecke Eichendorff-, Karl-Liebknecht-Straße.

 

Nicht nur auf Blankenfelde beschränkt, führt Günther Feustel die kindlich-jugendlichen Leser dorthin, wohin es ihn wieder und wieder und wieder zog. Über den Jühnsdorfer Weg, über Jühnsdorf – ohne Umschweife  so bezeichnet – führen alle Wege zum Rangsdorfer See. Entscheidende Szenen spielen am See.

 

Die Schule mit ihrer Aula und dem „Schulhausmeister“ – gemeint ist die Karl-Liebknecht-Schule – ist eher ein Nebenort der Handlung. Er bleibt so allgemein wie der inspirierende Lehrer „Herr Springer“. In ihm Günther Feustel sehen? Es gibt keine Beschreibung der Person. In einer Geste, den immer seine Brille putzenden Lehrer, kann Günther Feustel erkennen, wer Günther Feustel erkennen will und ihn gekannt hat.

 

Weit seltener als Rangsdorf ist auch Blankenfelde zu einem Ort in der Literatur geworden. In welchem Buch ist soviel von Blankenfelde wie in Günther Feustels „Die Bande vom oberen Kiefernweg“?

 

 

Nachbemerkung:

 

Günther Feustel war Jahrzehnte in Blankenfelde zu Hause. Am 28. Januar 2011 wurde er neben seiner 1998 gestorbenen Frau Ingeborg Feustel auf dem Evangelischen Waldfriedhof Blankenfelde bestattet. Das Ehepaar Feustel und ihr Sohn Jan-Michael (1951-2009) haben in und mit ihrem schriftstellerischen Schaffen Blankenfelde nicht nur in Blankenfelde, in Brandenburg, in Europa bekannt gemacht.

 

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. XXII, Zwölftes-Jahr-Buch, Bernd Heimberger

Deutlich gegen die Dummheit

 

 

Am 17. Januar 2011 wäre Jan-Michael Feustel Sechzig geworden. Mitten in das Gedenken an den vor zwei Jahren Verstorbenen kam die Nachricht: Günther Feustel ist gestorben. Einen Tag nach dem Sterbetag, einen Tag vor dem Geburtstag des Sohnes. Der Tod des Schriftstellers Günther Feustel war kein unerwarteter. Sein Sterben war ein langes, langes, allzu langes Sterben. Nun beginnt das Weiterleben des Günther Feustel in den Erinnerungen.

 

Das Leben von Günther Feustel begann am 13. Juli 1924 in Teltow, wo es am 16. Januar 2011 endete. Zufall? Schicksal? Es hat sich so ergeben. Nachdem er Witwer geworden war. Nachdem ein selbstständiges Leben im Blankenfelder Kiefernweg 47 nicht mehr möglich war. Das Haus in der GAGFAH-Siedlung war die Heimat der Feustels. Für Ingeborg, die 1936 mit den Eltern in das Haus kam. Für Günther, der der Eingeheiratete war. Für Jan-Michael, der 1951 in Mahlow zur Welt kam und das einzige Kind von Inge und Günther blieb. Die Feustels waren eine Familiengemeinschaft, die jeder in der Gemeinde kannte. Und das nicht nur wegen der Lebensgemeinschaft. Es war die Berufsgemeinschaft, die das Ehepaar bekannt machte.

 

Bedingt durch das Geburtsjahr, geriet Günther Feustel in den Krieg der Nazis und überlebte unversehrt. Über die beiden Wehrmachtsjahre sprach der sonst so Beredte nicht. Entsprechend seiner strikten, klaren Art zu denken, war es für ihn fortan selbstverständlich, alles für die humanistische Bildung zu tun. Günther Feustel war, wie auch seine Frau, einer der „Neulehrer“, der bereits unterrichtete, während er noch als Lehrer ausgebildet wurde. Noch und noch Schülerjahrgänge der Blankenfelder Karl-Liebknecht-Schule wußten und wissen, was sie an ihrem Lehrer hatten. Einen Lehrer, der es den Lernenden nie leicht machte. Einen, der in Schulzeiten nicht unbedingt „geliebt“ wurde, der an Achtung gewann, desto weiter die Schulzeit zurücklag. „Bei Feustel“, so ist heute die Erinnerung, „wurde was gelernt“. Was Natur ist, weil alles von der Natur kommt, das hat Günther Feustel allen vermittelt, die in seinem Biologieunterricht saßen.

 

Das Erlebnis Natur, die Beobachtung der Natur, war auch das Thema des ersten Buches des Schriftstellers. „Mäuse, Tränen und ein Stubenzoo“ war der Titel des heute vergessenen und verschollenen Buches. Und, wer erinnert sich noch an das Jugendbuch „Die Bande vom oberen Kiefernweg“, das 1957 erschien? Es folgten dutzende Bücher. Immer von dem Gedanken bestimmt, etwas zu tun, damit die „Unmenschlichkeit gegen Kinder“ aus der Welt kommt. Wirkungsvoll, bis in die Gegenwart, sind die Feustels durch das Fernsehen geworden. Durch ihre Texte für das Sandmännchen, durch die Fernsehfiguren „Pittiplatsch“ und „Herr Fuchs und Frau Elster“. Wenn an Günther Feustel gedacht wird, dann ist unausweichlich Ingeborg Feustel mitzudenken. Auch im Schreiben waren sie helfende, gleichberechtigte Partner. Auf vielen ihrer Bücher hätte konsequenterweise Ingeborg und Günther Feustel stehen müssen. Sie entschieden anders. Und Günther Feustel bereute nie, 1946 Inge Baumann geheiratet zu haben. Gemeinsam hatten sie ein halbes Jahrhundert. Froh und zur Freude der Kinder auf allen Kontinenten. Immer im Engagement gegen die Dummheit, die Ursache von Arroganz und Intoleranz ist. Mit dieser Gewißheit hat Günther Feustel sein Leben stolz gelebt.

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. XXII, Zwölftes-Jahr-Buch,

Bernd Heimberger

 

 

 


 

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