Kulturverein Blankenfelde e.V.
Kulturverein Blankenfelde e.V.

Ingeborg Feustel (1926 - 1998)

 

 

Wann und wo immer Kinder in Deutschland und anderswo Geschichten der Schriftstellerin Ingeborg Feustel lesen, ist sie gegenwärtig. Inge Feustel erzählte gern. Sie ließ sich gern fragen. Sie antwortete gern. Gelegentlich auch heftig, weil ihr Gleichmut und Gleichgültigkeit fremd waren. An vielem innerlich beteiligt, äußerte sie sich nicht zu allem öffentlich, wenn sie etwas bewegte und bedrängte. Auch nicht in dem Ort, der zur Heimat der am 1. Januar 1926 geborenen Berlinerin wurde: Blankenfelde. Blankenfelde wurde ihr zum Schicksal, mit dem sie in jüngeren Jahren manchmal haderte. Die Städterin, 1935 in die zweiklassige Gemeindeschule auf dem Dorfanger geschickt, rebellierte gegen die enge. Das aufgeweckte, neugierige, ungeduldige Mädchen schwänzte die Schule, um sich dem Unterricht des von ihr verachteten Lehrers Schmidt zu entziehen. In der selbstgewählten Freizeit durchforstete die Neunjährige das vielräumige Blankenfelder Schloß.

 

Als Schulamtsbewerber gehörten Inge Feustel und ihr Mann, Günther Feustel, ab 1. September 1946 zur Riege der ersten, jungen, politisch unbelasteten Pädagogen der Blankenfelder Karl-Liebknecht-Schule. An den Unterricht der Lehrerin erinnern sich noch heute manche Blankenfelder. Schon in der Schule war die Autorin, was sie ihrem Wesen wie ihrer Begabung nach war: Eine Geschichtenerzählerin. Aus der Not, das heißt dem Mangel an geeigneten Schulbüchern, machte die Erzieherin eine Tugend. Mit selbstverfassten Erzählungen erfreute sie ihre Schüler. Die Geschichte der Lehrerin, das heißt ihre Tätigkeit an der Karl-Liebknecht-Schule ist noch zu schreiben.

 

Die Schriftstellerin war eine der bedeutendsten Kinderbuchautoren der DDR. Sie ist zur bekanntesten Blankenfelderin geworden. Mit den Jahren wurde sie auch zu einer der „ältesten“ Blankenfelderinnen. Sie lebte über sechs Jahrzehnte in der Gemeinde. Mit Verdruß und Vergnügen. Ingeborg Feustel ist ein Teil der Geschichte Blankenfeldes geworden wie nicht wenige ihrer literarischen Geschichten. Sie bleibt Teil der Blankenfelder Geschichte, solange die Schule an der Rembrandt-Straße den Namen Ingeborg-Feustel-Grundschule hat und ihn in Ehren hält.

 

Bernd Heimberger

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. XII, Sechstes-Jahr-Buch,

                           Bernd Heimberger

Mittel meiner Mutter

 

von Jan-Michael Feustel

 

Es gibt durch alle Zeiten eine namenlose Bruderschaft – Barden, Spökenkieker und Märchenerzähler gehören zu ihr, alle, für welche die Dinge dieser Welt mehr bedeuten als ihre Funktion, uns zu nähren, zu wärmen, zu unterhalten und als Besitz unser Sozialprestige zu steigern. Die Mitglieder der Bruderschaft haben vielleicht nur offenere Augen, schärfere Ohren mitbekommen, die Fähigkeit, ganz stille zu werden, zu schauen und zu lauschen, denn sie vermögen hinter jeder Straßenecke Wunder zu entdecken, Urbilder der Seele zu erspüren, die uns innerlich aufbrechen und ganz einnehmen, die alle Saiten unser Gefühle zum Klingen bringen, uns verzaubern – seien sie voll harmonischem Glück oder unheimlich und bedrohlich, was man manchmal gar nicht endgültig trennen kann. Aber jenen, die diesem Bunde angehören, ist es auch gegeben, all dies auch anderen aufzuzeigen, solche Bilder selber rein auszuformen, zu erzählen, weiterzugeben. Nur so erfahren sie gegenseitig von-einander, nur so setzen sie die Existenz der Bruderschaft fort. Ich bin stolz sagen zu können, daß meine Mutter dazugehörte.

 

Zu meinen frühesten Erinnerungen zählen die Fahrradtouren mit meinen Eltern, bei denen ich vorn auf dem Kindersitz hockte. Schon damals brannte ich vor Neugier und Ungeduld nach den verzauberten Landstrichen, die wir entdeckten: Es gab an den Siedlungsstraßen Häuser, in denen sich Märchen zu verkörpern schienen, eine italienische Landschaft bei Groß Ziethen, gefährliche endlose Sümpfe nach Genshagen hin und einen Mächtigen Kirchturm in Mittenwalde – Eindrücke, die einen forthoben, einspannten, alles andere vergessen ließen, wie Tore zu einer anderen erfüllten Welt voller Mären, Abenteuer und Geschichten.

 

Hier muß man aber noch einmal das unerhörte Glück herausstellen, daß so ein Spökenkieker, Barde oder Märchenerzähler einen Lebenspartner findet, mit dem er alle diese Wunder teilen, bei dem er auf Resonanz hoffen kann, der ihn selber zum Mitschwingen bringt. Meinen Eltern ist dieses außergewöhnliche Glück zuteil geworden, sie sind in ihrer Empfindungswelt, ihrem Weg durch den Alltag, ihrer literarischen Arbeit geradezu zu einem einzigen symbiotischen Wesen verschmolzen. Die schönsten meiner Erinnerungen beziehen sich untrennbar auf „die Eltern“ – wie sie am Tische zusammensaßen und Geschichten verfassten, wobei sie wechselseitig Sätze aussprachen, die dann sofort aufgeschrieben wurden, wie sie alles eigentlich erst einmal aus ihrer intensiven Imagination kontinuierlich einander erzählten. Erst dann kam die Schreibmaschine zu ihrem Recht, die notwendige Radierung – und zuletzt wurde dann das Erzeugnis mir vorgelesen, so daß ich als kindliches „Probeobjekt“ immerhin auch einen winzigen Anteil an ihren Büchern habe. Mir jedenfalls tat sich in ihren Geschichten immer eine unerhört suggestive, unendliche Weltweite auf, ob es um die Entführung gefährdeter Tiere in ein einsames Haus im Wald ging, um die Erlebnisse eines Indiojungen in Bolivien, das Leben eines kleinen Mädchens mit ihrem blauen Schwein in einer Litfasssäule oder um die Weltraumfahrt in einer fliegenden Windmühle – was das symbiotische Wesen meiner Eltern formuliert hatte, wandelte sich für mich persönlich zu erfahrener, erlebter Realität.

 

Daß anderseits der Stoff dieser Geschichten gerade auch aus meiner wirklichen Welt, den daheim ausgiebig referierten Erlebnissen in der Schule, aus den Persönlichkeiten meiner Freunde und Klassenkameraden extrahiert wurde – teilweise recht expressis verbis -, hinterließ manchmal schon ein zwiespältiges Gefühl. Aber woher sollen Kinderbuchautoren die glaubhafte Atmosphäre ihrer Werke gewinnen wenn nicht aus den Beobachtungen kindlicher Weltsichten und Lebenssphären. So diente ich in meiner Schulzeit der heimischen Literaturwerkstätte nicht nur als erster Kritiker, sondern auch – größtenteils unfreiwillig – als Stofflieferant. Oft prahlte ich vor Freunden damit, daß meine Eltern mit dem recht anarchischen, schwatzsüchtigen und verfressenen Kobold Pittiplatsch die damals populärste Figur des Kinderfernsehens erdacht hatten. Dann wurde mir meist nicht ganz zu Unrecht entgegnet, mit meiner physischen und psychischen Persönlichkeit vor Augen dürfte diese Schöpfung meinen Eltern sicherlich nicht allzu schwer geworden sein. Als ich erwachsen wurde, lösten mich als Studienobjekte die Kinder der Nachbarschaft ab, die ihre Zeugnisse vorzeigen und natürlich ausführlich plaudern durften...

 

Aber dieses leichte Unbehagen des „literarischen Urbildes“ trübte kaum das gemeinsame verzauberte Leben. Autofahrten lösten die Fahrradtouren ab, es blieb aber jene gleiche Wunderwelt, wenn wir im heißen Hochsommer zwischen den Mauern der Burg Querfurt wanderten, durch Nebel und Rauhreif in den Havelberger Dom traten oder vor der Silhouette des Meißner Burgbergs in unserem „Wartburg“ Kuchen verspachtelten. Besuche in den Berliner Museen, wo ich schon als Kind Stammgast war, kamen hinzu, klassische Musik von unserem Plattenspieler – natürlich in abgedunkeltem Zimmer, damit die eigenen Bilder ungehindert vorm Geiste aufsteigen konnten, Waldspaziergänge, wobei mir etliches über Geschichte und Naturwissenschaft erzählt wurde – und vor allem die Bücher, die mir vorgelesen wurden wenn ich wieder einmal krank im Bett lag (was in meiner Kindheit recht häufig geschah). Astrid Lindgrens berühmteste Geschichten kenne ich noch heute beinah auswendig.

 

Je älter ich wurde, desto deutlicher aber spürte ich auch die Schattenseite dieses „Lebens im Geiste der namenlosen Bruderschaft“. Rilke drückte es einmal so aus, „daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt“. Die Werte, die man bei einer solchen Lebensweise gewinnt, Interessen, Begeisterung, Träume und Sehnsüchte stimmen mit denen der durchschnittlichen Menschen leider nicht mehr überein. Man findet schlicht und einfach kaum gemeinsame Gesprächsthemen und Erlebnisse. So bestand der Freundeskreis meiner Eltern auch beinahe ausschließlich aus Mitgliedern der schreibenden Zunft – wenn wir uns nicht völlig zurückzogen und in unserer Welt „verkapselten“. Das probate Mittel meiner Mutter, um dieser Zurückgezogenheit nicht wie viele andere „Barden, Spökenkieker und Märchenerzähler“ den Boden unter den Füßen zu verlieren, hieß: preußische Pflichterfüllung. Ein möglichst perfekter Haushalt, absolute Termintreue, Nichtbeachtung jeglicher eigener körperlicher Beschwerden – auch ich profitierte ausgiebig von dieser Pflichterfüllung, denn ich konnte jederzeit mit allen Problemchen zu meiner Mutter kommen, alles wurde ernst genommen, sofort besprochen, Lösungen gesucht. Daß diese mehrfache Belastung, diese Unfähigkeit, einmal alle Fünfe gerade sein zu lassen, wenn´s denn sonst die objektive Kraft spürbar überstieg, auch zu ihrem allzu frühen Tode, ist im Nachhinein überdeutlich. Seit mein Vater durch einen Schlaganfall halb gelähmt wurde, pflegte meine Mutter ihn mit aller Akkuratesse, arbeitete mit ihm dennoch literarisch weiter, betreute zu großen Teilen auch meinen derweil separierten Haushalt – und stellte ihre eigene schwere Herzerkrankung dabei nie in Rechnung. Von ihren Herzrhythmusstörungen, von Herzasthma und nebenbei überstandenen Infarkten war daheim letztlich so beiläufig die Rede, daß ich das alles erst nach ihrem plötzlichen Tode an der Schreibmaschine wirklich ernst nahm. Aber bei all diesen Belastungen und Überlastungen blieb doch jene andere Welt erhalten, die sie ausstrahlte und in die ich mit ihr gemeinsam eintreten konnte. Ihre Kraft und Zeit reichte nur noch für kurze Nachmittagsausflüge mit der S-Bahn, aber auch dabei konnte in den derart erreichbaren Berliner Vororten noch genug Wundersames entdeckt werden. In schneeüberzogenen Parks, auf herbstlichen Friedhöfen oder in der sommerlichen Blütenfülle von Laubenkolonien fanden wir immer wieder Türspalte zu jener altvertrauten Welt der suggestiven Urbilder, konnte immer wieder die Verzauberung heraufbeschwören, die sogar die zahlreichen Ängste und Depressionen der Nachwendezeit überstrahlte. Dieser reichen, mächtigen, magischen Sphäre meiner Eltern konnte ich mich nie entziehen. Mein Entschluß, Mathematik zu studieren, um dieser Sphäre weitgehend zu entkommen, rief eine der heftigsten Auseinandersetzungen in unserer Familie hervor. Denn natürlich sollte ich ihr Werk fortsetzen als Barde, Spökenkieker oder Märchenerzähler, nachdem meine Eltern mich derart intensiv dazu ausgebildet hatten. Nun, vor seinem Schicksal und einer derart überquellenden, intensiven, reichen Welt kann man einfach nicht flüchten – vielleicht ist es meiner Mutter in den letzten Jahren eine verdiente Genugtuung  gewesen, daß ich nun doch – wenn auch unter Zwängen der Wende – Bücher fernab der Mathematik schreibe, auf Exkursionen wie Bustouren die mit ihr gemeinsam herausgespürten wundersamen Sehenswürdigkeiten im märkischen Land vorführe und als Märchen- und Sagenerzähler auftrete.

 

Meine Mutter hat bis zuletzt ihre Pflicht erfüllt, ihren Part zu jener namenlosen Bruderschaft beigetragen. Nach ihrem Tode schien mir die ganze Welt, die wirklich etwas bedeutet, verrammelt und verriegelt, daß ich immer wieder aufbreche, anderen jene Tore zu öffnen, die Wunder hinter der nächsten Straßenecke vorzuweisen, auf daß die Gemeinschaft der Barden, Spökenkieker und Märchenerzähler auch in einer Welt, wo sich alles funktional rechnen muß, nicht endgültig untergeht, das erwartet, ja fordert meine Mutter von mir. Ich hoffe jedenfalls auf genug Kraft und Glück, um ihr Vermächtnis halbwegs so gut zu erfüllen, wie sie es verstand......

 

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. XII, Sechstes-Jahr-Buch,
                           Jan-Michael Feustel

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