Kulturverein Blankenfelde e.V.
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GAGFAH-Siedlung Blankenfelde

Was ist Blankenfelde? Das Blankenfelde, das wir sehen, das wir glauben zu kennen, wurde in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre des. 20. Jahrhunderts geprägt. Die GAGFAH-Siedlung veränderte und bestimmte das Aussehen der Gemeinde. Die GAGFAH-Siedlung ist quasi das Gesicht des Ortes. Mit allen Schrunden und Falten. Mit allen Merkmalen gelungener wie misslungener Verjüngungen. Mit allen Verletzungen, die im letzten Vierteljahrhundert der Siedlung durch Bauten zugefügt wurden.

 

Die Mehrzahl der Siedler bezogen ihre Häuser 1936 und 1937, die Ersten nahmen ab 1. Oktober 1935 von ihnen Besitz. Einschließlich der Architekten Heinrich Distler, Friedrich Kamrath, Walter Lüdke, Günter Martin und Otto Englberger.

 

Die Entstehung und Geschichte der GAGFAH-Siedlung in Blankenfelde wird durch weitere Beiträge in der kommenden Zeit dargelegt. Für alle Interessierten zum Nachlesen.

GAGFAH-Bauplan 1936, Märkische Promenade mit Kirche (Konzept)

Beschreibung eines Hauses

 

„Was für verschiedene Schicksale hinter den immer gleichen Türen“, sagte mein nächster, vor Jahrzehnten verstorbener Nachbar. Er sprach von den Türen der GAGFAH-Häuser. Der Satz ist nicht zu vergessen. Er ist so richtig wie er falsch ist. Falsch ist er, weil Haustür nicht gleich Haustür war in der GAGFAH-Siedlung. Verschiedene Bautypen hatten unterschiedliche Eingangstüren. Ganz sicher meinte mein Nachbar die Doppelhäuser, die der meist gebaute Typ sind und das Aussehen der Siedlung am markantesten prägen. Nicht anders die Reihenhäuser des heutigen Brandenburger-Platzes, die Einzelhäuser der Nordseite der Heinrich-Heine-Straße, der Westseite der August-Bebel-Straße und der Südseite der Straße Am Stechberg. Die Türen der Reihenhäuser in der Erich-Klausener-Straße und die der Einzelhäuser waren andere Türen als die der Doppelhäuser. So ähnlich, vergleichbar die Häusertypen auch waren, so ähnlich, vergleichbar waren die innenarchitektonischen Ausführungen, obwohl in manchen Details verschieden. Ein Haus der GAGFAH-Siedlung zu beschreiben bedeutet nicht, alle Häuser zu beschreiben. Grundsätzliches läßt sich in der Beschreibung einer Doppelhaushälfte sagen.

 

Wer in der GAGFAH geboren wurde, wer in der GAGFAH aufwuchs, wird lebenslang ein Geräusch nicht los: Das hellklingende Ritschratsch   der Haustürklingel. Der durchdringende Ton wurde mittels eines flachen Drehkopfs ausgelöst, der die an der Innentür angebrachte Glocke mehr oder weniger laut zum Klingen brachte. Wurde der Drehknopf allzu hartnäckig und kräftig betätigt, konnte es geschehen, daß sich die Glocke selbstständig machte und über den Terrazzoboden des Flurs rollte. Eine zu fest aufgeschraubte Glocke dämpfte den Ton fast bis zur Unhörbarkeit. Klang die Klingel hell durchs Haus, kommentierte mit Sicherheit einer der Bewohner: „Die Klingel!“ Dann sahen sich alle an, bevor Einer den Anderen aufforderte: „Guck du mal nach!“ Der Klingelton war in sämtlichen GAGFAH-Häusern gleich. Egal, welcher Bauart! Obwohl weniger wirkungsvoll, ist ein weiteres Geräusch unvergeßlich. Mit einem Platsch landeten Zeitungen und Briefe auf dem Korridor-Terrazzo. Dem Geräusch folgte der Ruf: „Post!“ „Die Post ist da! Habt ihr gehört!“ Wenn überhört, war die Post nicht zu übersehen, sobald man ins Haus trat. Der Briefschlitz, inmitten der Tür, durch eine Klappe nach außen abgedeckt, war eine praktische wie unpraktische Einrichtung. Praktisch, weil Post direkt ins Haus kam. Ansonsten war der Briefschlitz ein Problem. Die Klappe leicht angehoben, konnte durch den Schlitz ungehindert ins Haus gesehen werden. Ärgerer war der Ärger mit den Witterungsbedingungen. Wind und Kälte drangen ungehindert ins Haus. Je nach Stand des Hauses konnte bei Sturm das Klappern des Schutzblechs nicht verhindert werden. Das dritte, charakteristische GAGFAH-Haus-Geräusch ist als Störung in Erinnerung. Die Bewohner befreiten sich schnell von den Nachteilen des Briefschlitzes. Sie schlossen den Schlitz durch einen gut eingepaßten Holzpropf.

 

Vom Korridor aus gelangte man ins Obergeschoß wie in den Keller. Voll unterkellert, hatten die Kellerräume denkbar dürftig, wenn überhaupt, verputzte Wände. Vom kleinen Vorraum unterhalb und neben der Kellertreppe gings direkt in den Waschkeller. Die ungestrichene Tür, mit einem Kastenschloß versehen, ließ sich nicht aushebeln, was tatsächlich Schutz bot, doch den meisten Bewohnern nicht bewußt war. Den größten Teil des Kellers konnten, mußten die Siedler nach eigenem Ermessen gestalten. Wände wurden gemauert oder aus Holzlatten aufgestellt und schon war der nötige Kohlenkeller abgeteilt.  Der Waschkeller, mit einem emaillierten Waschkessel über der Feuerstelle, war mit einem schweren, runden Holzdeckel abgedeckt. Einige Doppelhäuser der ersten drei Bauphasen, in Manchem großzügiger gebaut und ausstaffiert, besaßen einen Abfluß im Boden des Waschkellers. Der Waschkessel hatte einen weit vorstehenden Hahn – einem Zapfhahn vergleichbar – aus dem das Schmutzwasser in aufgestellte Eimer floß, die im Ausgußbecken entleert wurden. Erfinderisch, wie Not bekanntlich macht, wurde der Waschkessel in Kriegs- und Nachkriegsjahren, für das Einwecken und vor allem für die Sirupproduktion unentbehrlich. Da ein Kellerzugang, von der Giebelseite her, noch nicht üblich war, wurde höchst umständlich und mit nötigen Geschick in den Keller bugsiert, was in den Keller sollte und zurück ins Haus oder in den Garten. Selbst Gartengeräte und Fahrräder mußten durch das Haus geschleppt werden. Wenige, vorausschauende Siedler ließen sogleich einen Außeneingang zum Keller bauen. Interessierte mußten selbst eine Firma beauftragen und die Kosten von rund 250,- Reichsmark unverzüglich bezahlen. Vorausschauende ließen zudem einen Brunnen bohren und neben der Pumpe ein nahezu quadratisches, meterhohes Wasserreservoir errichten. Die Ausnahme war der Anbau einer Garage an der Giebelseite.

 

Das Praktische, Zweckmäßige, Nützliche bestimmte und war bestimmend für die GAGFAH-Häuser. Korridor, Küche und Bad hatten leicht zu pflegende schwarzweiße Terrazzoböden, sämtliche Wohnräume rotbraun gestrichene Dielenböden. Wände und Decken waren zwar nicht geglättet, doch sorgfältig geputzt und weiß gestrichen. Das hatte nichts mit Billigkeit und Anspruchslosigkeit zu tun. Das entsprach dem Geschmack der Zeit und machte die Häuser erschwinglich. 

 

Vom Flur aus erreichte man unmittelbar Keller, Küche und das Wohnzimmer mit dem Fenster zur Straßenseite. Die Küche war denkbar schlicht ausstaffiert: Mit einem kombinierten Kohle- und Elektroherd, über dem einige Reihen Fliesen die Wandseiten schützten. Neben dem Herd war der Wasserhahn samt Ausguß installiert. Die kleine Vorratskammer, mit Lüftungsschacht zur Terrasse, war unterhalb des Fensters eingebaut – allerdings nur in den Häusern der ersten Bauphasen. Der Verzicht auf die Vorratskammer schaffte die Voraussetzung, daß sich einige Siedler die Tür zur Terrasse in der Küche einbauen ließen, die ansonsten vom hinteren Wohnzimmer, dem Terrassenzimmer, in den Garten führte. Vorderzimmer und Terrassenzimmer waren durch eine weißlackierte Tür verbunden wie das Terrassenzimmer mit der Küche. Das machte den rückwärtigen, größeren Raum zum bevorzugten Familien - Eßzimmer. Raumgreifende, hohe Kachelöfen in beiden Räumen garantierten in den Wintermonaten gleichbleibend angenehme Wärme.

 

Vom Flur aus, über die grau gestrichene, relativ steile Holztreppe, ging es über vierzehn Stufen ins Obergeschoß. Auf dem Treppenpodest angekommen, war, geradezu, die Tür zum Bad. Auf kleinster Fläche waren ein Handwaschbecken, das Toilettenbecken, die freistehende Badewanne nebst Badeofen mit Brause installiert. Keine Wand war gefliest. Der Badeofen mußte manuell geheizt werden und war somit die siebente Heizstelle im Hause. Die beiden eisernen, emaillierten Öfen, die sowohl im kleinen, schmalen und im großen, geräumigeren Zimmer des Obergeschoßes standen, erwärmten die Zimmer schnell und ließen sie ebenso schnell auskühlen. Waren in den unteren Räumen Kastenfenster eingebaut, so in den oberen einfache, zweiflüglige Fenster, durch die der Wind pfiff. Im Sommer Brutkästen, im Winter Kältekammern, waren Schlaf- und Kinderzimmer in ihrem Urzustand eher eine Zumutung als behagliche Wohnstätten.

 

Einem Rohbau glich der Dachboden, dessen möglichen Nutzen die Investoren, also die Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Heimstätten (GAGFAH), von vornherein eingeschränkte. Im Rahmen der Dachluke, die mit einem Riegelverschluß verschlossen wurde, war ein Emaileschild montiert, auf dem zu lesen war: „Laut baupolizeilicher Vorschrift darf der Bodenraum nicht zu Abstellzwecken benutzt werden“. Damit war der Dachboden im Grunde tabu für die Eigentümer. Die zwischen den beiden Zimmertüren aufgehängte, einklappbare Bodentreppe war im Grunde dem Schornsteinfeger vorbehalten, der vierteljährig zum Kehren kam. Das Hinweisschild und gelegentliche Ermahnungen des Schornsteinfegers ignoriert, wurde der Boden zur Ablage für Überflüssiges. Was auf den Dachboden kam, verschmutzte schnell und war irgendwann für den Gebrauch dauerhaft verloren. Der Boden des Dachbodens, mit Schlacke gefüllt, war nur im mittleren Teil durch rohgezimmerte Bretter stabilisiert. „Biberschwanz“ hieß die flache, rote widerstandsfähige Dachpfanne, mit der die Mehrzahl der 480 gebauten GAGFAH-Wohnungen gedeckt waren.

 

 

Herausgeber:  Kulturverein Blankenfelde e.V, Blankenfelder Blätter No. XX, Elftes Jahr-Buch, Bernd Heimberger

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